Robert Schopflocher

Hintergedanken

Gedichte aus zwei Jahrzehnten


Robert Schopflocher, 1923 im fränkischen Fürth geboren, wanderte 1937 mit seinen Eltern nach Argentinien aus - gerade noch rechtzeitig, um dem auch ihm zugedachten Schicksal der "Endlösung" zu entgehen. In Argentinien war er, nach seiner Ausbildung zum Diplomlandwirt, als Verwalter in den von Baron Moritz von Hirsch gegründeten JCA-Siedlungen in der Provinz Entre Rios tätig. Seit sechzig Jahren lebt er nun in Buenos Aires. Dort besuchte er diverse Ateliers, um sich die Technik des Holzschnitts anzueignen. Jahre hindurch waren seine graphischen Arbeiten auf Ausstellungen des Argentinischen Nationalsalons vertreten. Vor allem aber schrieb er mehrere Romane, Erzählungen und Theaterstücke in spanischer Sprache; einige davon wurden mit Literaturpreisen ausgezeichnet. 1998 erschien der Erzählband Wie Reb Froike die Welt rettete, das erste in seiner Muttersprache veröffentlichte Buch. Zwei weitere Erzählbände und seine Autobiographie folgten. 2008 erhielt er den Jakob Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth.

Hintergedanken, dieser mit drei seiner Holzschnitte angereicherte Lyrikband, bildet die dichterische Ergänzung seiner 2010 veröffentlichten Autobiographie Weit von wo, ein Leben zwischen drei Welten. Ein Leben, "verhaftet", wie der Verfasser meint, "mit den drei im Gestern versunkenen Welten - dem humanistisch geprägten Deutschland, dem Geist des liberalen westeuropäischen Judentums und dem toleranten Argentinien der Dreißigerjahre. Wobei mir mit zunehmendem Alter immer mehr zu Bewusstsein kommt, dass es diese sich in meinem Kopf gespeicherten Welten nie gegeben hat. Jedenfalls nicht so, wie sie sich heute meiner verklärenden Erinnerung darstellen."

Diese Gedichte spiegeln nicht nur das persönliche Universum des Autors wider, sondern auch unsere Zeit, mit all ihren Widersprüchen und Gefahren und den ihr eigenen Zukunftshoffnungen. Sie sind sein Vermächtnis.

80 Seiten 29 x 17 cm ISBN 978-3-924461-26-3     26,- €

EIN GEDICHT SOLLTE, MÜSSTE
Ein Gedicht sollte, müsste
in konzentrierter Kürze
von Liebe singen,
von Geburt,
von einem sanften Tod.

Müsste, sollte
das Herz der Menschen mit Heiterkeit erfüllen.
Sollte, müsste
den Charme der kleinen Kinder besingen,
das Lächeln der vorüberschwebenden Frauen,
die Ideale der Jugend.
Glockengeläut Rosen und Kolibris
blühende Felder den blauen Himmel
mit friedlich weidenden Wolkenschäfchen.

Aber die schreckgeweiteten Augen
der misshandelten Kinder
die gliedzerreißenden Landminen
die Hungernden Gefolterten und Massakrierten
die Shoah ethnische Säuberungen und Kreuzzüge
wahnsinnige Diktatoren Terroranschläge,
Waffen- Drogen- Menschenhandel
entleeren alle schönen Worte. Würgen sie ab.
Erbarmungslos.

Noch immer Gedichte nach Auschwitz?
Nach Armenien Kaschmir Kurdistan Afghanistan
Vietnam Ruanda Kroatien Serbien Bosnien
Kambodscha Sudan Somalia Kongo Guernica
Ulster Kosovo Grosny Lidice Coventry Rotterdam
Hamburg Dresden Hiroshima Nagasaki Irak
dem Warschauer Ghetto den Twin Towers? Nach...nach...
Schuldbekenntnis
Sprengstoff ver-dichtet auf engsten Raum.

Ja. Noch immer und gerade jetzt
Gedichte.
Der geballten Schlagkraft wegen.








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